Interview mit Chris Laut von

Foto: Metal Didi



RCF: Natürlich interessiert uns zuallererst das neue Album:  "Das Geld liegt auf der Strasse" steht quasi in den Startlöchern. Ich denke, wir können wieder den typischen Ohrenfeindt Sound erwarten. Gibt es Veränderungen zu bisher oder bleibt ihr lieber beim bewährten Erfolgsrezept der vergangenen Alben ?

 

Chris: Klar: wo OHRENFEINDT draufsteht, ist auch OHRENFEINDT drin., Aber kleine Veränderungen gibt es eigentlich immer. Die Studitechnik entwickelt sich weiter, als Musiker hast Du - hoffentlich - seit der letzten Platte wieder ein oder zwei neue Tricks gelernt und Dein Blick auf die Welt verändert sich ja auch fortlaufend. Wir haben dieses Mal technisch insofern andere Wege beschritten, als dass wir nicht Spur für Spur einzeln aufgenommen haben. Wir wollten mit der Scheibe generell noch ein wenig mehr in Richtung 70er schielen, als wir das eh schon tun. Deshalb haben wir die Basic-Tracks gleichzeitig zusammen in einem Raum eingespielt. Das verleiht den Songs eine ganz besondere Energie. Und wir sind - so wie man es eben in den 70ern auch gern gemacht hat - ganz bewusst mit Ideen und Skizzen statt fertig ausarrangierten Songs ins Studio gegangen und haben das Album im Studio beim Spielen fertig geschrieben. Das bedeutet: man muss ein wenig Kontrolle im Vorfeld abgeben und loslassen. Aber den Songs hat es sicher gut getan.  

  

 

RCF: Mit dem Albumtitel und dem Coverartwork scheint ihr eine Lanze für Strassenmusiker brechen zu wollen. Liegt das Geld wirklich demnach auf der Strasse und habt ihr einen tieferen Bezug zur Strassenmusik St. Pauli's durch die Vergangenheit ? Oder kam euch der Albumtitel einfach nur mal so in den Sinn.

 

Chris: Wir wollen mit Straßenmusik als Metapher allen Menschen, die in unserer Branche arbeiten, zurufen: Leute, es wird irgendwie weitergehen. Ihr seid kreativ. Lasst Euch was einfallen! Der komplette Entertainment-Sektor hat momentan massive Einbußen zu verzeichnen. Wir können wir unsere Berufe nur unter starken Einschränkungen ausüben. Da kann man entweder jammern oder sich eben etwas überlegen. Wenn der Markt sich ändert, müssen wir uns eben auch ändern. Ob das nun im Einzelfall bedeutet, Straßenmusik zu machen oder etwas ganz anderes zu tun - da muss jeder seine eigene Lösung entwickeln. OHRENFEINDT ist nun mal eine Liveband. Das ist, was wir können. Das ist, was wir lieben. Und deshalb sieht unser Ansatz so aus, dass wir uns eine kleine Live-PA gekauft haben und mit erheblich eingedampften Kosten so viele Unplugged-Shows wie möglich spielen. Du kannst uns nun sogar privat buchen, weil Privatshows mit diesem Ansatz darstellbar und erschwinglich sind. Eins ist mal klar: die Menschen brauchen Musik und wir brauchen das Spiel auf der Bühne. Und mit diesem Ansatz können wir beides situationsangepassten Bedingungen verknüpfen und als Band überleben.

 

RCF: Damit sprichst du ja direkt die unsägliche Pandemie an, die das Leben der Menschen und speziell natürlich auch die Musikwelt wohl noch längere Zeit beherrscht. Hat sich demnach auch Covid-19 auf das Songwriting des neuen Albums ausgewirkt, oder entstanden die Songs im Prinzip schon vorher ?

 

Chris: Teils, teils. Riff-Ideen sammelt jeder von uns fortlaufend in den Zeiträumen zwischen Alben. Manche sind dann schon sehr konkret, andere wiederum noch sehr vage. Bisher haben wir das immer in einer Vorproduktion zu einem großen Ganzen zusammengedengelt. Dieses Mal haben wir diese Prozesse erst im Studio vollzogen. Mit Texten ist es ähnlich: ich hatte hier und da Fragmente, aus denen später die Texte entstanden sind. Da ich meist auf die Musik texte, konnte ich die erst schreiben, als alles andere weitgehend stand. Zwei oder drei Texte hatte ich vor den Aufnahmen fertig, da war eben die Musik schon weit genug dafür. Aber vieles ist erst im Studio entstanden, zum Beispiel "Die Muse ist im Urlaub" oder "Du brauchst Rock". Um auf den Kern Deiner Frage zurückzukommen: ich lasse mich gern von dem inspirieren, was um mich herum passiert. Dementsprechend hat die Pandemie selbstredend einen Einfluss auf mein Textwriting. So ist das "Schlaflied" entstanden, dessen Text ich für einen Freund geschrieben habe, der kurz vor den Aufnahmen verstorben ist - zwar nicht unmittelbar durch CoVid19, aber durch die daraus entstandenen Umstände in seiner medizinischen Versorgung. Und klar: der Blickwinkel des Titelsongs fußt auch auf unseren derzeitigen Lebensumständen.  

RCF: Die derzeitigen Lebensumstände zwingen einen ja quasi dazu, auch ernstere Themen zu behandeln und wenn ich das nachvollziehe, hat das "Schlaflied" einen traurigen Hintergrund. Durch die Zusammenarbeit von uns mit dem RockLive Radio, die Euer neues Album bereits via Airplay promoten dürfen, ist mir neben dem Titelsong bisher vor allem "Motocross im Treppenhaus" aufgefallen, welches einen natürlich sofort umso fröhlicher stimmt. Wie kommt man auf solche Lyrics. Kommt das eher spontan oder hat solch ein Song dann doch einen ausgeklügelten Background ?

 

Chris: Zu "Motocross im Treppenhaus" hat mich vor vielen Jahren der Schweizer Komiker Emil Steinberger inspiriert, der in einem Sketch mit seinem Sohn spricht und dabei unter anderem erwähnt, dass er Filius und seine Freunde mit ihrem Mofas im Treppenhaus für Motocrossrennen trainieren. Daraus hat sich dann der Rest entwickelt. Ich hab mir halt überlegt: wie kann ich DAS jetzt noch steigern? "Schlaflied" ist einem Freund gewidmet, der viel zu früh an den Folgen einer Operation gestorben ist. Er starb kurz vor Beginn der Aufnahmen - und es klingt vielleicht spooky, aber ich hatte das Gefühl, dass er mir beim Schreiben zusieht. Ich habe den Text nachts in meinem Wohnzimmer geschrieben und irgendwie seine Anwesenheit gespürt - und dass er mit dem Text einverstanden war. Das ist vermutlich pure Einbildung, aber mir hilft dieser Gedanke. Ganz grundsätzlich ist Texten für mich immer frei nach Edison 1 % Inspiration und 99 % Transpiration. Will sagen: es braucht einen kleinen Zündfunken - eine Zeile, einen Gedanken, eine Idee - danach braucht es Handwerk und Erfahrung, daraus einen Text zu machen.

 

RCF: Mal zu einem anderen Thema. Ihr musstet ja die eigentlich anstehende Tour pandemiebedingt leider um ein Jahr verschieben. Jetzt wurde bekann, daß ihr beispielsweis bei uns im Colos Saal Aschaffenburg eine Akustik-Show spielt. Wie kam es dazu, und was kann man davon erwarten ?

 

Chris: Stell Dir ein Leben ohne Musik vor: nach einer Weile würdest Du vermutlich durchdrehen. Menschen brauchen Musik. Sowohl die Menschen im Zuschauerraum als auch die auf der Bühne und drumherum. Musik ist unser Leben. Also haben sich sowohl verschiedene Veranstalter als auch wir als Band Konzepte überlegt, auf deren Basis wir zumindest nicht ganz ohne Livemusik dastehen. Das Colos-Saal ist auf die Idee gekommen, dass wir zwei Shows an einem Tag spielen können, damit alle, die uns sehen möchten, das auch tun können. Und wir haben die Kondition, das durchzuziehen. Und wir haben derbe Bock zu spielen. Also machen wir das - weil wir es können und die Menschen uns sehen wollen. Das wird übrigens nicht Halbgas. OHRENFEINDT akustisch ist sicher etwas anders und wir werden das Programm etwas anpassen. Dennoch gibt das volle Möhre auf die Ohren von der Waterkant. Übrigens nicht nur in Aschaffenburg, sondern auch in anderen Städten - wirf mal einen Blick auf unsere Website www.ohrenfeindt.de. Eins kannst Du glauben: wir freuen uns derbe drauf!

 

RCF: Ja, sicherlich eine interessante Geschichte, diese Akustik-Konzerte. Da kann man sich wohl tatsächlich darauf freuen. Bereitet man sich auf solche Konzerte gesondert vor ? Spielt ihr auch vom neuen Album etwas in Akustik Form, oder konzentriert Ihr Euch lieber eher auf die Vergangenheit ?

 

Chris: Wir bereiten das insofern besonders vor, als dass wir für die Setlist Songs auswählen, die akustisch funktionieren. Da eignen sich zum Beispiel perkussive Riffs oder Bottleneck-Nummern oft mehr als Songs, die von lang stehenden Akkorden leben. Die proben wir dann halt auch entsprechend. Was wir vom neuen Album spielen, legen wir in diesen Tagen fest. Lasst Euch überraschen!

 

 

 

RCF: Du hast neulich mal erzählt, daß Ihr unterwegs zum Videodreh seid. Welchen Song setzt Ihr denn in Szene und wie wichtig sind heutzutage Musikvideos für Euch ?

 

Chris: Der Titelsong des Albums wird das Video werden. Musikvideos sind und bleiben wichtig, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf eine Band, ein Album, einen Song zu richten. In Zeiten, in denen kaum noch abseits des Bildschirms Inhalte aufgenommen werden, musst Du neben der Musik auch Bilder liefern, damit ein Song in den Köpfen bleibt.  

 

RCF: Damit man per Video in den Köpfen bleibt, braucht es sicherlich auch Einfallsreichtum, was die visuelle Umsetzung eines Songs angeht. Wie kann man sich so einen Videodreh, von der Ausarbeitung der Idee bis hin zur Produktion denn bei Euch vorstellen ?

 

Chris: Zunächst überlegen wir uns, wer das jeweilige Video für uns umsetzen soll. Wenn ein Regisseur gefunden ist, schieben wir Ideen hin und her, bis alle Beteiligten zufrieden sind. Da wir schon einige erfolgreiche Videos gemacht haben, lässt uns unser Label glücklicherweise freie Hand dabei. Sobald die grundsätzliche Idee steht, geht die Suche nach den geeigneten Leuten los: Kameramann oder -frau, Kameraassistent*in, Cutter*in und Darsteller*innen müssen gefunden werden, Locations, Fahrzeuge, Requisiten etc. müssen beschafft werden. Da passiert relativ viel in Eigenleistung, sonst wäre so ein Video finanziell nicht darstellbar. Nach dem Dreh, der meist einen bis drei Tage dauert, kommen das Colorgrading und der Schnitt - da halten wir uns weitgehend raus. Bestenfalls bringen wir uns nach dem Rohschnitt ein, wenn es um letzte Korrekturen geht. Dann geht das Werk ans Label, dass zum Schluss ja auch mit allem einverstanden sein muss. Das ist jedesmal wieder ein ganz schöner Kraftakt, da Zeit und Geld meist knapp sind. Wir müssen uns an dieser Stelle auch einmal mehr bedanken bei all unseren Mitstreitern, Freunden und Unterstützern, die bei jedem Video aufs Neue weite Wege gehen, damit was Tolles dabei rauskommt.  

 

RCF: Kommen wir nochmal kurz zurück zu Konzerten. Euch gibt es ja bereits seit 1994 und Ihr habt natürlich schon viele Konzerte gespielt. Ich würde mal behaupten, die typische Ohrenfeindt Location ist ein proppenvoller, schweißtreibender Club. Richtig, oder könnt Ihr auch den großen Festivals einiges abgewinnen, wenn Ihr denn dann dort auf die Bühne geht ?  

 

Chris: Das ist uns nicht so wichtig. Wir spielen überall gern, wo man uns hören will. Die Energie, die das Publikum uns zurück gibt, ist sozusagen unser Treibstoff. Sicher, wir haben die Gäste gern dicht bei uns. Aber große Menschenmengen auf Festivals haben auch was. Am Ende des Tages wollen wir unsere Gäste rocken - egal wo!  

 

 

Dann wollen wir es dabei belassen und hoffen, Ohrenfeindt demnächst wieder mit voller Kraft live zu erleben. Vielen Dank, Chris Laut, für dieses Interview.  

  

 

Interview:  Kerbinator


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